Quoten statt Querpässe: Die Problematik der Sportwetten

In etwas mehr als einem Monat beginnt die Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, in Kanada und Mexiko. Anlässlich des Turniers füllen einige einen Wettschein aus. Das auch im Wallis.

13. Juni, 21.00 Uhr. Ein Datum und eine Uhrzeit, die bei so manchem in der Schweiz bereits im Kalender rot eingekreist sein dürfte. An diesem Tag findet das Auftaktspiel der Schweizer Männer-Nationalmannschaft an der Fussball-Weltmeisterschaft statt. Doch beim Anpfiff fiebern nicht alle nur für den Sport. Einige verfolgen das Spiel auch angespannt, weil sie eine Menge Geld gewettet haben. Sportwetten sind aber nicht nur während grosser internationaler Turniere beliebt. Mit den Gefahren ist jedoch nur ein kleiner Teil vertraut.

Die Absurdität von Sportwetten

Sportwetten sind in der Schweiz und im Wallis besonders bei jungen Männern beliebt. Zuletzt verspielte ein Bankangestellter im Wallis 250’000 Franken aus gestohlenem Geld. Gewettet werden kann auf fast jede Sportart und auf zahlreiche Ereignisse im Spiel. Grundlage dafür sind Wettquoten, die aus statistischen Analysen berechnet werden: je höher die Gewinnchance, desto tiefer die Quote. Das wirkt wie «einfaches Geld», ist es aber nicht. Anbieter bauen Margen ein und passen Quoten gezielt an, sodass der Wettanbieter langfristig immer gewinnt.

Ein Beispiel aus 2016 zeigt, wie absurd Sportwetten sind. Das Fussballteam Leicester City spielte eine Saison, die in die Geschichtsbücher einging. Leicester City krönte sich in dieser Saison als Aussenseiter zum englischen Meister.

Zu Beginn der Saison lag die Quote bei englischen Wettanbietern, dass Leicester City die Meisterschaft gewinnt, bei 5000 zu 1. Bei einem Franken Einsatz hätten Wettende somit 5000 Franken gewonnen.

Bei einigen Wettbüros können Nutzer aber auch auf alltägliche und absurde Ereignisse wetten. Die Quoten, dass der Yeti oder das Monster von Loch Ness gefunden werden, waren im Jahr 2016 tiefer als die des Titelgewinns von Leicester City. Ebenfalls wahrscheinlicher wäre gewesen, dass der damalige Papst für die schottische Fussballmannschaft Glasgow Rangers aufläuft.

Sportwetten sind auch im Wallis sehr beliebt

Mit Sportwetten kennen sich auch Tobias Henzen, Präventionsbeauftragter bei der Gesundheitsförderung Wallis, und Valérie Passeraub, Suchtberaterin von Sucht Wallis, aus. Beide sind überzeugt, dass Grossereignisse wie eine Fussball-WM das Wettgeschäft ankurbeln können. Die ständige mediale Präsenz wecke dabei das Interesse neuer Spieler und bringe ehemals Suchtkranke in akute Rückfallgefahr. Im Fokus der stetig wachsenden Glücksspielbranche stehen junge Erwachsene, primär Männer. Das wirtschaftliche Ziel ist die lückenlose Verfügbarkeit: Über das Smartphone kann rund um die Uhr gewettet werden.

Passeraub sagt, die Industrie nutze gezielt Algorithmen, um bei den Nutzern konstante Dopaminschübe auszulösen. Henzen stimmt Passeraub zu und sagt: «Das System ist so gebaut, um dich zu behalten. Dopamin ist in diesem System kein Zufall. ‹Fast gewonnen› ist kein Pech, sondern Absicht. Je länger du bleibst, desto besser ist es für die Industrie, aber nicht für dich.»

Weiter erklärt Passeraub, dass ein Schritt in die Abhängigkeit sogenanntes Chasing-Verhalten sei. Spieler setzen immer höhere Beträge ein, um bereits erlittene Verluste zurückzugewinnen. Ein Teufelskreis, wie Valérie Passeraub erklärt: «Ich muss wetten, um den finanziellen Verlust wieder einholen zu können.» Oft seien gerade junge Amateurfussballer der Meinung, durch ihr Fachwissen im Vorteil zu sein. Das sei jedoch ein Irrtum, der im Kontrollverlust enden könne. «Spätestens, wenn dein Kollege dich nach Geld fragt, damit er wetten kann, ist das ein klares Warnsignal», sagt Passeraub.

Im Wallis gibt es verschiedene Präventions- und Informationsangebote zum Thema Geld- und Glücksspiele. So etwa die Präventionskampagne Maxiloose. Die Walliser Zahlen verdeutlichen die Lage: 15 Prozent der Wettenden zeigen ein problematisches Spielverhalten. 80 Prozent der verschuldeten Personen machten ihre ersten Schulden vor ihrem 25. Lebensjahr. Ein Fünftel der Jugendlichen verschweigt die finanziellen Nöte komplett. Henzen und Passeraub appellieren daher an die Gesellschaft: Wer bei Freunden oder Familienmitgliedern auffälliges Spielverhalten bemerkt, darf nicht wegschauen, sondern muss das Problem schonungslos ansprechen und sofort professionelle Hilfe vermitteln.