Wir Untauglichen aus dem Wallis
Der Kanton Wallis ist seit Jahren Tabellenletzter, was die Tauglichkeit zum Militärdienst betrifft.
Der Kanton Wallis bleibt schweizweit Schlusslicht, wenn es um die Militärtauglichkeit junger Männer geht. Im Jahr 2024 waren lediglich 58,5 Prozent der Walliser Stellungspflichtigen militärdiensttauglich – deutlich weniger als der Schweizer Durchschnitt von 70,2 Prozent. Auch in den vorangegangenen Jahren stellte das Wallis am meisten Untaugliche.
Es stellt sich die Frage: Wieso sind die an sich robusten Walliser Schlusslicht, wenn es um taugliche Wehrmänner geht?
Die Wehrpflicht in der Schweiz
Jeder Mann mit Schweizer Staatsangehörigkeit muss ab dem 19. Lebensjahr den obligatorischen Wehrdienst leisten. Dieser kann entweder im WK-Modell oder im Durchdiener-Modell absolviert werden. Im WK-Modell besuchen die Rekruten zunächst eine 18 Wochen dauernde Rekrutenschule am Stück. Anschliessend sind sechs Wiederholungskurse à 19 Tage über die folgenden Jahre zu absolvieren. Wer Rekrutenschule und Wiederholungskurse vollständig absolviert, hat die 245 Tage umfassende Wehrpflicht erfüllt.
Beim Durchdiener-Modell sieht die Wehrpflicht anders aus: Rekruten absolvieren während elf Monaten 300 Diensttage an einem Stück. Dann haben die Rekruten ihre Dienstpflicht geleistet und müssen auch keine Wiederholungskurse mehr leisten.
Bevor ein Schweizer die Wehrpflicht leisten kann, wird eine Rekrutierung durchgeführt. Diese findet in einem der sechs Rekrutierungszentren der Schweizer Armee statt. Bei der Rekrutierung wird durch verschiedene Faktoren wie medizinische, psychologische und physiologische Tests entschieden, ob eine Person tauglich ist und somit eine Ausbildung zum Soldaten überhaupt möglich ist.
Über die Tauglichkeit entscheidet ein Arzt während der Rekrutierung. Dabei ist zu unterscheiden zwischen militärdienstuntauglich und doppelt untauglich: Wer militärdienstuntauglich ist, kann immer noch Zivilschutz leisten. Wer als doppelt untauglich eingestuft wird, ist weder zum Militärdienst noch zum Zivilschutz verpflichtet. Personen mit doppelter Untauglichkeit müssen in der Regel zwischen dem 19. und 37. Lebensjahr eine Wehrpflichtersatzabgabe zahlen, welche drei Prozent des steuerpflichtigen Einkommens pro Jahr beträgt.
Fitnesstest der Armee – Wallis mit leicht unterdurchschnittlichen Leistungen
Bei der Aushebung findet bei allen zu rekrutierenden Personen ein Fitnesstest statt. Er beinhaltet einen Standweitsprung, Medizinball stossen, Rumpfkrafttest, Einbeinstand und einen Ausdauertest. Bei jeder Disziplin können die Prüfungsteilnehmenden maximal 25 Punkte erreichen, was einer Gesamtpunktzahl von 125 Punkten entspricht. Bislang hat dies noch niemand geschafft; der Rekord liegt bei 119 Punkten. Im Jahr 2024 lag der Schweizer Durchschnitt bei 67,4 Punkten, während der Kanton Wallis mit 65,8 Punkten leicht darunter blieb.
Deshalb sind die Walliser untauglich
Eine Studie der Universität Zürich zeigte 2016 mögliche Gründe der hohen Dienstuntauglichkeitsrate der Walliser. Militärintern gab es laut dem Armeesprecher Mathias Volken keine Studien. Bei den Unterwallisern, welche vor allem das Rekrutierungszentrum in Lausanne besuchen, sind psychische Diagnosen deutlich häufiger als in anderen Regionen. Autoritätsprobleme, Anpassungsstörungen oder fehlende Motivation für den Militärdienst machen rund 75 Prozent der Dienstuntauglichkeit aus.
Neben psychologischen können auch sozioökonomische Faktoren entscheidend sein. Bei den sozioökonomischen Faktoren wird jeder Beruf in eine von drei Ebenen eingeteilt, wobei Ansehen, Ausbildung und Einkommen berücksichtigt werden. Zur tiefsten Ebene zählen einfache oder schlecht bezahlte Tätigkeiten wie Hilfsarbeiter. In der mittleren Ebene finden sich typische Ausbildungsberufe wie Handwerker oder Techniker. Die höchste Ebene umfasst akademische und leitende Berufe, etwa Ingenieure oder Ärzte.
In den letzten Jahren zeigte sich im Wallis immer wieder, dass Personen, die in einer niedrigen oder hohen sozioökonomischen Ebene tätig sind, häufiger dienstuntauglich sind als jene, die in der mittleren Ebene arbeiten.
Im Kanton Wallis werden bei der Rekrutierung auch viele Personen berücksichtigt, die noch zur Schule oder an eine Universität gehen. Laut einer Studie der Universität Zürich zeigen Schüler und Studierende häufig tiefere Tauglichkeitsraten, da sie für den Militärdienst oft weniger motiviert sind und sich stärker auf Bildung und Karriere konzentrieren.
Auch das Stadt-Land-Gefälle kann die Untauglichkeitsrate beeinflussen. Gemeinden mit eher linkem Abstimmungsverhalten weisen tendenziell tiefere Tauglichkeitsraten auf, während konservativ geprägte Gemeinden generell höhere Werte erreichen. Ob es einen Unterschied zwischen Ober- und Unterwallis gibt, ist unbekannt.
Ein Oberwallis – zwei verschiedene Meinungen.
Dario Burren, 25, aus Steg, hat seinen Militärdienst bereits absolviert. Er leistete alle 300 Diensttage am Stück als Durchdiener und war als Kanonier im Einsatz. Dario ist von der Wehrpflicht überzeugt.
Alessio Fux, hätten Sie den Militärdienst geleistet, wenn es Ihr gesundheitlicher Zustand zugelassen hätte?
Selbst wenn ich gesund gewesen wäre, hätte ich keinen Militärdienst geleistet. Durch den Dienst wäre mir ein Jahr verloren gegangen. So wie es jetzt ist, kann ich mein Studium wie geplant absolvieren
Dario Burren, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten – würden Sie das Militär nochmals machen?
Ja, das würde ich. Allerdings würde ich im Fitnesstest der Armee gerne mehr Punkte erreichen, um eine andere Funktion übernehmen zu können.
Findet ihr die obligatorische Wehrpflicht für ein neutrales Land wie die Schweiz angebracht?
Alessio Fux: Nein, ich sehe nicht ein, dass Menschen, die ohnehin kein Interesse am Militärdienst haben, diesen leisten müssen. Ich kenne genügend Leute, die nach ihrem Dienst gesagt haben, dass ihnen diese Zeit nicht gefallen hat. Sollte es eines Tages zu einem militärischen Ernstfall kommen, wären meiner Ansicht nach gerade diejenigen, die während des Militärdienstes kein Engagement gezeigt haben, keine grosse Hilfe. Der Militärdienst sollte freiwillig sein.
Dario Burren: Auf einer Seite kann ich dir zustimmen. Jedoch ist bei einem Ernstfall wichtig, dass man auf jeden zählen kann. Es ist wichtig, dass die Schweiz eine Armee hat. Am Anfang war ich auch nicht wirklich motiviert für das Militär, das hat sich aber mit der Zeit geändert. Schlussendlich war es eine tolle Erfahrung.
Fux: Ich verstehe deinen Punkt. Was ich jedoch überhaupt nicht fair finde, ist, dass das Militär nach der Rekrutenschule jemanden zwingen kann, höhere Funktionen zu übernehmen, obwohl die Person das gar nicht möchte.
Burren: Im Normalfall findet die Armee Leute, die freiwillig weitermachen. Als ich Rekrut war, wurden bei uns auch einige gezwungen, weiterzumachen. Aber diese haben es dann auch «gepackt», als sie nicht mehr nur einfache Soldaten waren.
Alessio Fux, wie finden Sie denn die Alternativen wie Zivilschutz oder Zivildienst?
Grundsätzlich gut. In der Schweiz gibt es immer wieder Naturkatastrophen oder andere Ereignisse. Die Schweiz ist stark auf den Zivilschutz und den Zivildienst angewiesen, wenn es um den Schutz der Bevölkerung geht. Natürlich spielt auch hier das Militär seine Rolle.
Der Kanton Wallis ist der Kanton, der seit mehreren Jahren, prozentual gesehen, am wenigsten Leute für die Armee stellt. Was denkt ihr, wieso das so ist?
Fux: Ich habe das Gefühl, dass der Kanton Wallis fast wie eine eigene «Clique» tickt. Schon wenn bei uns gesagt wird, wir sollen etwas mit den Unterwallisern unternehmen, stösst das oft auf wenig Interesse. Viele Walliser haben im Militär wahrscheinlich gar nicht wirklich Lust, mit anderen Leuten aus anderen Kantonen zusammenzuarbeiten.
Burren: Das muss nicht sein. Ich war zum Beispiel in Luzern stationiert. Während der Rekrutenschule knüpft man schon viele neue Kontakte. Es stimmt, dass wir Walliser oft andere Interessen haben als die Leute aus der Deutschschweiz. Gleichzeitig ist es sicher positiv, dass man durch die Rekrutenschule auch mal aus dem Wallis rauskommt.
Fux: Trotzdem schätze ich einen Grossteil der Walliser als «Heimchiälini» ein, die sich lieber hier in ihrem engen Kreis wohlfühlen, anstatt neue Kontakte zu knüpfen.
Wie nehmt ihr das Thema Wehrpflicht wahr, wenn ihr mit euren Kollegen oder der Familie darüber sprecht?
Burren: Die Meinungen sind gespalten. Viele sagen, dass sie das nicht so gut finden, wobei andere davon wieder richtig überzeugt sind. Man sollte einfach immer versuchen, das Positive daraus zu ziehen.
Fux: Bei mir genau gleich. Früher hat man noch gesagt, «ein richtiger Mann macht das Militär». Die Gesellschaft hat sich aber verändert. Auch deshalb absolvieren wohl so wenige Walliser den Dienst.
Alessio Fux, viele sagen, das Militär sei auch eine Lebensschule, die jemanden persönlich formen könne. Denken Sie, Sie haben das verpasst?
Für viele ist es wichtig, dass sie im Militär Disziplin und Ordnung erlernen. Ich denke, dass ich selber bereits eine gewisse Disziplin habe. Ich hatte das Glück, dass ich früher Ski gefahren bin und auch immer wieder Lager besucht habe. Ich war bereits als junger Mann diszipliniert.
Dario Burren, was war für Sie der prägendste Moment der Militärkarriere?
Vor allem die Unteroffiziersschule hat mich positiv geprägt. Die Zeit war anstrengend, ich kam an meine Grenzen. Das hat mich allerdings auch geformt.
Alessio Fux, was müsste passieren, dass Sie sagen, ja, ich möchte Militärdienst leisten?
In der Orientierungsschule habe ich mit dem Gedanken gespielt, den Militärdienst zu leisten. Wegen meiner Rückenoperation wusste ich jedoch, dass ich vermutlich ohnehin als untauglich eingestuft würde – auch wenn ich grundsätzlich Interesse daran gehabt hätte.
Dario Burren, was würden Sie jungen Menschen sagen, die an einem Militärdienst nicht interessiert sind?
Das ist eine gute Frage. Ich würde vor allem die positiven Aspekte des Militärs hervorheben, zum Beispiel, dass man neue Kontakte knüpft und auch ausserhalb der Rekrutenschule, etwa beim Ausgehen, eine tolle Zeit miteinander verbringen kann. Das Militär ist in meinen Augen auch unterhaltsam, wenn man sich gut mit den Kameraden versteht. Viele Erfahrungen und Fähigkeiten kann man zudem nach dem Militär im Alltag weiterhin nutzen.
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